Laut Umfragen empfinden derzeit rund 40 Prozent der Deutschen Impfneid. Und falls sich jetzt jemand fragt: “Hä?” Unsere Autorin ist auch davon betroffen und versucht darauf hier zu antworten.

Als meine Cousine in den USA Ende Januar bei Facebook postete, sie habe ihre erste Impfinjektion bekommen, dachte ich noch: Nice! Läuft bei den Amis! Als ich im Februar bei Twitter las, dass eine von mir befolgte Userin ihre Erstimpfung hinter sich habe, war ich kurz irritiert – wurde dann aber schnell wieder happy, nachdem ich herausgelesen und mich erinnert hatte, dass sie Krankenpflegerin ist: Super! Finde ich natürlich absolut richtig, Menschen in der Pflege als erstes zu impfen. Doch als meine Freundin, die in etwa eine genauso systemirrelevante Rolle in unserer Gesellschaft spielt wie ich und in meinem Alter ist, mir vorletzte Woche aufgeregt erzählte, dass sie geimpft worden sei, weil ihre schwangere Schwester sie als Kontaktperson angegeben habe, war bei mir der Ofen aus. Diese blöde Kuh! Und während ich so überlegte, ob ich ihr gleich die Freundschaft kündigen oder sie erst um Tipps bitten sollte, wie ich mir auch eine vorgezogene Impfung erschleichen könnte, obwohl ich noch gar nicht dran bin, wurde mir klar: Das ist also dieser Impfneid …

Der Impfneid geht um

Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des “stern” empfinden derzeit rund 40 Prozent der ungeimpften Deutschen Neid auf Geimpfte. Da sich Studien zur Impfbereitschaft zufolge überhaupt nur um die 70 Prozent der Menschen in Deutschland gegen Corona impfen lassen möchten, sind 40 Prozent Impfneidische ziemlich viel. Denn Neid empfinden wir nur, wenn jemand etwas hat, das wir haben wollen. Dafür muss ich nicht auf die Neidforscherin Katja Corcoran verweisen, die das in einem Interview mit “stern.de” gesagt hat. Das wissen wir alle aus eigener Erfahrung. Wir beneiden niemanden um Rückenschmerzen, aber alle Menschen, die jedes Jahr den Winter irgendwo am Meer bei 25 Grad verbringen können, statt im tristen, kalten Hamburg festzusitzen. Grrr, wie ich sie hasse, diese norddeutschen Wintermonate … 

Impfneid – eine deutsche Spezialität!

Impfneid ist übrigens typisch deutsch. Nicht, weil wir das einzige Land sind, in dem die Mehrheit der Impfwilligen immer noch ungeimpft ist – dem ist nämlich gar nicht so. Zwar hängen wir mit unseren gut 29.000 verabreichten Impfdosen pro 100.000 Einwohner hinter Ländern wie Ungarn, den USA, Chile und natürlich Streber Israel hinterher (zwischen 50.000 und 120.000 verabreichte Impfdosen je 100.000 Menschen). Doch leider gibt es zahlreiche Länder, die seeehr viel schlechter dastehen als wir. Deshalb hat Greta Thunberg auch nicht 100.000 Euro aus ihrer Stiftung an Deutschland gespendet, sondern an die Initiative Covax, die sich für eine gerechtere Verteilung der Impfstoffe weltweit einsetzt – denn global sind je 100.000 Menschen gerade einmal 12.200 Dosen verabreicht. Aber das nur mal am Rande.

Typisch deutsch ist “Impfneid” aus dem Grunde, weil es eine Spezialität der deutschen Sprache ist, dass wir lauter schöne Komposita (Aneinanderreihung von Hauptwörtern) bilden können, die ausgefallene Dinge bezeichnen. Andere Kulturen bräuchten drei bis vier Wörter, um so ein Konzept wie Impfneid zu beschreiben. Wäre die aktuelle Situation nicht so speziell und kurzfristig, könnte Impfneid glatt ein ähnlicher Exportschlager werden wie die gute alte Schadenfreude, die sich im Englischen, Französischen, Italienischen, Spanischen, Portugiesischen und Polnischen als Lehnwort etabliert hat. Aus linguistischer Sicht könnten wir somit sogar glatt ein bisschen stolz auf unseren Impfneid sein – und aus moralischer …?

Impfneid ist menschlich

“Neid ist zunächst etwas zutiefst Menschliches”, sagt Katja Corcoran in besagtem stern.de-Interview. Neid ist ein Gefühl, das uns signalisiert, was wir uns wünschen. Und sich zu wünschen, eine Corona-Impfung zu bekommen, ist sicherlich alles andere als verwerflich. Schließlich verbinden wir mit dieser Impfung ein Ende der Angst vor einer Ansteckung. Wir verbinden damit den Rückgewinn von Freiheiten – z. B. wieder reisen oder zum Friseur gehen zu können, ohne sich vorher testen lassen zu müssen. Und ganz nebenbei tragen wir mit einer Impfung auch noch dazu bei, dass die Pandemie für alle ein Ende nimmt. Also wenn sich der Wunsch nach einer Impfung in harmlosem Impfneid niederschlägt – so what?!

Problematisch wird dieser Impfneid allerdings, wenn er Überhand nimmt, in Missgunst umschlägt, unseren gesunden Menschenverstand ausschaltet und uns dazu bringt, dumme Dinge zu tun. Zum Beispiel, sich dagegen aufzulehnen, dass bereits Geimpfte schon mal ein paar Freiheiten zurückbekommen, denn aus rationaler Sicht spricht alles dafür, sie ihnen zu gewähren. Auch dumm wäre es, eine geimpfte Freundin aus Impfneid als blöde Kuh zu bezeichnen … Aber was können wir denn tun, um Entgleisungen zu verhindern und unseren Impfneid im Zaum zu halten? 

Was gegen Impfneid helfen kann – und was nicht

Als nicht besonders hilfreich empfinde ich persönlich jedenfalls, überall Plakate zu sehen, auf denen Promis wie Uschi Glas dazu auffordern, sich impfen zu lassen. Mich als Impfneidische, die noch nicht darf, regt das nur noch mehr auf. Und dass solche Plakate Impfängstlichen ihre Angst nehmen oder Impfgegner:innen überzeugen, sich doch piksen zu lassen, wage ich zu bezweifeln. Wenn ich vor etwas Angst hätte oder etwas partout nicht wollte und mir an jeder Ecke jemand sagen würde, “mach jetzt!”, würde mich das wahrscheinlich nicht “bekehren”, sondern unter Druck setzen und stressen (Andererseits ist es natürlich immer erfreulich, Uschi Glas zu sehen! Nur fürs Protokoll.)

Tatsächlich scheint es meistens so zu sein, dass Gefühle nur noch stärker und unbeherrschbarer für uns werden, wenn wir oder andere versuchen, sie uns zu verbieten oder wir uns für sie schämen. Das gilt für Lüste und Begierden ebenso wie für Impfneid und -angst. Deshalb ist – abgesehen von der Möglichkeit, einfach sofort alle zu impfen, die wollen, – offen über unseren Impfneid zu sprechen wahrscheinlich einer der besten Wege, damit umzugehen und einer Entgleisung vorzubeugen. Dafür brauchen wir allerdings die Sicherheit, dass uns niemand verurteilt für das, was wir fühlen. Dass andere mit Respekt und Verständnis reagieren, wenn wir ihnen sagen, dass wir neidisch sind – oder Angst vor einer Impfung haben. Haben wir diese Sicherheit? Müssten wir wahrscheinlich ausprobieren. Und im Zweifel gemeinsam drauf hinarbeiten.

Für mich ist meine Freundin mittlerweile jedenfalls doch keine blöde Kuh und ich möchte ihr nicht mehr die Freundschaft kündigen. Keine Sorge: Dafür musste sie mir keine Tipps geben, wie ich einen vorgezogenen Impftermin bekomme, denn mich darum zu bemühen, habe ich ausgeschlossen. Ich fühle mich erstmal wieder entspannt genug, um noch ein Weilchen abzuwarten, seit ich mich mit meinem Impfneid auseinandergesetzt und verstanden habe, wo er herkommt. Und übrigens fand ich es dabei extrem hilfreich und praktisch, ein schönes, kompaktes Kompositum zur Verfügung zu haben, und nicht die ganze Zeit mit einer umständlichen Beschreibung aus drei bis vier Wörtern hantieren zu müssen – ich sage ja, auf unsere Substantivkompositionen können wir uns wirklich etwas einbilden. 

Verwendete Quellen: stern.de, tagesschau.de, wikipedia.de

Source: https://www.brigitte.de

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