Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Wie viel Raum darf ein Hobby einnehmen? Soviel, dass die Leidenschaft kein Leid in der Beziehung schafft.

Peter ist begeisterter Kite-Surfer, und wie jeden Freitag checkt er die Windvorhersage für das Wochenende. “Sieht gut aus!”, sagt er zu seiner Frau Simone. “Könnte sein, dass ich wieder los will!” Simone liebt Sport auch, und sie versteht Peters Leidenschaft. Aber jetzt verdreht sie die Augen. “Och Mann, dann können wir ja wieder nichts fürs Wochenende planen!” Peter zuckt mit den Achseln, aber Simone hat das Zimmer schon wortlos verlassen.

Gemeinsame Hobbys?

Hobbys können belanglose Vergnügungen sein, mit denen wir uns die Zeit vertreiben. Doch manchmal werden sie zu fordernden Leidenschaften, durch die wir unsere Partner aus unserem Leben vertreiben. In jeder Liebesbeziehung müssen wir die Balance zwischen gemeinsam verbrachter Zeit und individueller Eigenzeit finden. Manche Paare versuchen so viel wie möglich gemeinsam zu machen, für andere ist das eine grauenhafte Vorstellung. Solange beide zufrieden sind, ist alles möglich. Dann macht es auch nichts, dass er mehr Zeit im Clubhaus verbringt als zu Hause, wo sie allmählich das Wohnzimmer in eine Nähwerkstatt verwandelt hat.

Doch spätestens, wenn einer der beiden Nähe vermisst oder Konflikte zu lösen sind, kann das Hobby zum Problem werden. Dann blockiert König Fußball nicht nur die Paarzeit. Sondern das besonders wichtige Spiel wird zum Vorwand, um bedrohlichen Beziehungsklärungen aus dem Weg zu gehen. Hobbys werden zum Problem, wenn sich einer der Partner allein gelassen fühlt, der andere aber den Wunsch nach mehr Gemeinsamkeit als Beschneidung seiner Freiheit erlebt.

So schnell kommt es zum Streit

Neu in den Partner verlieben: Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 67, berät seit über 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und ist seit über 30 Jahren verheiratet. Sein aktuelles Buch heißt “Neue Schlüsselsätze der Liebe” (240 S., 11 Euro, DuMont).
© Ilona Habben

“Du wusstest ja, als wir uns kennenlernten, dass ich zwei Pferde habe”, “Meine Theater-Leidenschaft wird mir niemand nehmen, auch du nicht!”, “Ich werde meine Jungs aus der Band nie im Stich lassen!” Darüber entsteht leicht eine Eskalation mit verhärteten Fronten. Wenn sie nicht auf ihre Yoga-Fortbildungen verzichten will, er nicht auf seinen pflegeintensiven Oldtimer, dann fühlt sich das für die jeweiligen Partner*innen so an, als wäre das Freizeitvergnügen wichtiger als sie. Dabei geht es den meisten auch dann gar nicht darum, dass das geliebte Hobby aufgegeben wird. Sie möchten sich nur verstanden fühlen. Sie möchten ernst genommen werden in dem, was sie in der Beziehung vermissen.

Andererseits tun die, die mit dem intensiven Hobby ihrer Partner konfrontiert sind, gut daran, zu ergründen, was das Hobby für den anderen so bedeutsam macht. Was erlebt er dabei, welche Träume und Sehnsüchte lebt er darin aus? Der Wunsch nach gemeinsamer Zeit ist meist nur das Codewort für fehlende emotionale Nähe. Die wird aber nicht in Zeiteinheiten abgerechnet, sondern empfunden. Es ist nicht entscheidend, wie viel Zeit wir miteinander verbringen, sondern wie intensiv unsere Verbindung ist.

Wenn unser Partner zufrieden ist, weil er seinen Leidenschaften folgen kann, dann ist das auch gut für uns und die Beziehung. Aber das gilt nur, solange wir sicher sind, dass das Hobby keine Flucht ist. Und die Liebe zu uns die Leidenschaft ist, die ihm am wichtigsten ist. Dass wir mehr sind als ein Hobby.

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Source: https://www.brigitte.de

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