Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Was bedeutet es, sich in einer Beziehung dem Gegenüber zuzumuten? Offenheit statt Dominanz

Es ist wundervoll, wie widersprüchlich die Liebe ist. Wundervoll, weil sie sich der Berechenbarkeit der Welt, den Algorithmen, der Statistik, der Naturwissenschaft und den Ratgebern entzieht. Die Liebe ist damit ein Bereich unseres Lebens, der nicht planbar, nicht lösbar und nicht optimierbar ist.

Gegenseitige Rücksichtnahme

Zum Beispiel wollen wir in unserer Beziehung so sein können, wie wir wirklich sind. Doch gleichzeitig möchten wir respektvoll miteinander umgehen und unser gemeinsames Leben miteinander verhandeln. Wir können nicht völlig losgelöst von allem durch eine Liebesbeziehung trampeln, wenn wir uns nicht fix wieder ins Single-Universum zurückbeamen wollen, das wissen wir. Wir wollen die innere Sau rauslassen und sie trotzdem besser im Stall behalten. Was sich wie ein Dilemma anhört, ist allerdings keins. Weil es immer einen Unterschied gibt zwischen unseren Gefühlen einerseits und unseren Handlungen andererseits.

Die Vorstellung, dass wir gnadenlos authentisch sein könnten, ist verlockend, aber unrealistisch. Unsere Innenwelt und unsere äußere Welt werden und können nie identisch sein. Gedanken, Gefühle und Fantasien bestimmen zwar, was wir tun, sie sind aber nicht identisch mit unseren Handlungen. Jemand kann trotz Job, Ehe und Kindern weiter von Gigs, Groupies und Drogen träumen, davon, mit der Band noch mal auf Tournee zu gehen, statt tagaus, tagein vor dem PC zu hocken. Dann kann er es seiner Partnerin zumuten, dass sie in diesem Traum nicht vorkommt und das aushalten muss. Und riskieren, dass sie ihn deswegen vielleicht für naiv bis bekloppt hält und für jemanden, der nicht erwachsen werden kann.

Er kann ihr zumuten, dass verhandelt wird, welche Abende er zur Bandprobe geht. Aber er kann ihr nicht zumuten, einfach jeden Abend in den Übungsraum zu verschwinden und im Wohnzimmer einen Turm aus Verstärkern und Bassgitarren aufzustapeln.

Die innere Welt teilen 

Neu in den Partner verlieben: Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 67, berät seit über 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und ist seit über 30 Jahren verheiratet. Sein aktuelles Buch heißt “Neue Schlüsselsätze der Liebe” (240 S., 11 Euro, DuMont).
© Ilona Habben

Sich in einer Beziehung zuzumuten bedeutet, dem/der Partner*in die eigene Leidenschaft für Fesselspiele zu eröffnen – aber nicht, mitten im Liebesspiel das Seil hervorzuzaubern. Es bedeutet, meine innere Welt zu teilen. Dazu gehört zuallererst, mich mir selbst zuzumuten, meine Scham und Angst zu überwinden, um mich zu zeigen und mich nicht zu bremsen, weil ich die Reaktion meiner Partnerin oder meines Partners fürchte. Sich zumuten bedeutet, mein Gegenüber damit zu konfrontieren, wer ich bin. Wie es in mir aussieht. Und manchmal auch, was ich getan habe. Und dann gemeinsam ein gemeinsames Leben daraus zu machen. Sich zuzumuten bedeutet nicht, einfach zu machen, wonach mir der Sinn steht.

Es gibt die wahre Geschichte von dem Mann, der seiner Frau eines Tages eröffnete, dass er das Haus verkauft hatte, in dem sie lebten. Was eindeutig ein Vertrauensbruch war, eine unerträgliche Dominanz über das Leben des anderen. Und was genau deshalb entstand, weil dieser Mann letztlich zu konfliktscheu und zu gefühlsfern war, um sich mit seinen Gedanken und Absichten zuzumuten.

“Paaradox” ist der Podcast mit Oskar Holzberg und seiner Frau Claudia. Sie sprechen offen über Themen, die Beziehungen immer wieder herausfordern. Lustig, spannend und erkenntnisreich! U. a. auf Audio Now.

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Source: https://www.brigitte.de

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