Manchmal ist es nicht das Leben, sondern unsere Persönlichkeit, die uns im Weg steht. Wie du herausfindest, ob oder inwiefern das auch bei dir der Fall sein könnte, liest du hier. 

Warum scheint manchen Menschen alles zu gelingen, während andere selbst auf ebenen Wegen ständig stolpern? Warum kommen einige mit fast allen Leuten klar und führen gesunde Beziehungen, während andere einsam sind und überall anecken? Warum sind die Einen weitestgehend glücklich, psychisch stabil und krisenfest, während die Anderen unzufrieden sind und schnell überfordert?

Wer darauf mal eben eine präzise Antwort aus dem Ärmel schütteln kann, macht es sich wahrscheinlich etwas zu leicht und hat sicherlich nicht alles bedacht. Wie (glücklich, erfolgreich, entspannt …) unser Leben verläuft, hängt von mehr Faktoren ab, als wir uns vorstellen könnten. Äußere Einflüsse, soziale Verhältnisse, Neuronen, Hormone, vermeintlich unwichtige Entscheidungen, die alles verändern. Jede Menge Winzigkeiten, die wir mit unserer kognitiven Ausstattung nicht in der Lage sind zu erfassen, pflastern unseren Weg. 

Dennoch gibt es eine Konstante, die bei allem, was uns im Leben widerfährt, eine Rolle spielt und mit der sich zu befassen deshalb aufschlussreich sein kann: Unser Ich beziehungsweise unsere Persönlichkeit.

Unsere Persönlichkeit hat einen Einfluss darauf, welche Haltung wir zur Welt einnehmen, wie wir auf Situationen reagieren, wie gut wir uns anpassen können, welches Feedback wir bekommen, was das für unser Selbstbild bedeutet und so weiter. Gewisse Züge unserer Persönlichkeit können uns im Weg stehen, sowohl im Privatleben als auch im beruflichen Kontext.  

Die sieben “Intrapersonal Problems Rating Scales”

Um das abstrakte und recht vage Konzept der Persönlichkeit greifbarer zu machen, hat der US-amerikanische Forscher Michael Boudreaux zusammen mit seinem Team Persönlichkeitsmerkmale von rund 1.800 Menschen erfasst, analysiert und geclustert. Dabei fiel den Forscher:innen auf, dass sich alle Merkmale sieben unterschiedlichen übergeordneten Dimensionen zuordnen lassen, sogenannten Intrapersonal Problems Rating Scales (IPRS). 

  • Emotionale Dysregulation 
  • Internalizing
  • (Mangel an) Disziplin 
  • Externalizing
  • Gewissenhaftigkeit/Perfektionismus 
  • Fantasie
  • Apathie 

Probleme in einer Dimension, so fand die Forschungsgruppe um Michael Boudreaux heraus, korrelierten oft mit empfundenen Schwierigkeiten im Leben, etwa einer gefühlten Einsamkeit und Beziehungsunfähigkeit, Glück- oder Erfolglosigkeit.

Die US-amerikanische Psychologin Susan Krauss Whitbourne hat für das Portal Psychology Today zu jeder der Dimension Aussagen ausgewählt, die diese repräsentieren und anhand derer wir selbst überprüfen können, ob wir damit vielleicht ein Problem haben. Die Expertin empfiehlt, jede Aussage mit einer Zahl zwischen 0 und 3 zu bewerten: 0 steht für trifft gar nicht zu, 3 heißt trifft voll und ganz zu.

7 Kriterien, an denen du erkennst, ob dir deine Persönlichkeit im Weg steht

1. Emotionale Dysregulation

Eine emotionale Dysregulation, also eine Regulationsstörung der Gefühle, äußert sich beispielsweise in Schwierigkeiten, mit Stress und Druck umzugehen und in einer geringen Frustrationstoleranz. 

  • Ich rege mich auch über Kleinigkeiten auf.
  • Ich fange leicht an zu weinen.
  • Ich werde schnell wütend.
  • Ich bin leicht genervt von anderen.

2. Internalizing

Internalizing lässt sich schwer ins Deutsche übersetzen, meint aber eine Art Rückzug in sich selbst, der oft aus Unsicherheit und einem instabilen Selbstwertgefühl resultiert.

  • Ich fühle mich wertlos und nicht gut genug.
  • Ich vergleiche mich zu viel mit anderen.
  • Ich habe das Gefühl, andere Menschen sind besser als ich (zum Beispiel klüger, hübscher, reicher)
  • Ich bin überkritisch mit mir selbst.

3. Disziplin(losigkeit)

Die Kategorie Disziplin umfasst nicht nur die Eigenschaft an sich, sondern auch die Motivation, die in der Regel dazu führt, dass Menschen diszipliniert sind: Begeisterungsfähigkeit, Leidenschaft und der Wunsch, sich zu engagieren.

  • Es fällt mir schwer, fokussiert zu bleiben.
  • Ich lasse mich leicht ablenken.
  • Ich weiß nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll.
  • Ich prokrastiniere zu viel.

4. Externalizing 

Externalizing lässt sich ebenfalls nicht so leicht mit einem Begriff ins Deutsche übersetzen, bedeutet aber in etwa unbedacht, unreflektiert handeln

  • Ich betrüge oder beklaue Fremde.
  • Ich betrüge meine:n Partner:in.
  • Ich gehe zu viele Risiken ein.
  • Ich missachte Regeln (zum Beispiel Falschparken, zu schnell fahren).

5. Gewissenhaftigkeit/ Perfektionismus

Gewissenhaftigkeit, Prinzipientreue und Perfektionismus können zwar in viele Lebenssituationen von Vorteil sein, werden aber zum Problem, wenn sie in unserer Persönlichkeit zwanghaft und übertrieben ausgeprägt sind.

  • Ich kann nicht spontan sein.
  • Ich habe Angst davor, Risiken einzugehen.
  • Ich investiere viel in das Ziel, herausragend zu sein.
  • Ich muss Dinge perfekt machen.
  • Ich habe Angst, Neues auszuprobieren.

6. Hang zur Fantasie

Fantasie ist ähnlich wie Gewissenhaftigkeit etwas Positives – kann allerdings zu Problemen führen, wenn sie überhandnimmt.

  • Ich verliere mich in meiner Fantasie.
  • Ich habe eine hyperaktive Vorstellungskraft.

7. Apathie

Apathie leitet sich von dem griechischen Begriff Apatheia ab und bedeutet Leidenschaftslosigkeit beziehungsweise Gefühlstaubheit. 

  • Ich spüre wenig Begeisterung und Enthusiasmus.
  • Ich empfinde keine besonders starken Emotionen.

Was sagen uns unsere Ergebnisse?

Die sieben genannten Dimensionen haben Michael Boudreaux und sein Team aufgrund der ihnen vorliegenden Daten als häufig relevant identifiziert, wenn Menschen viele Probleme in ihrem Leben haben. Erzielen wir im Persönlichkeitstest in einer von ihnen einen hohen Durchschnittswert (2 oder 3), kann das ein Hinweis darauf sein, dass uns dieser Aspekt unserer Persönlichkeit im Alltag oder auf unserem Weg insgesamt Schwierigkeiten bereitet. Das Schöne daran ist: In dem Fall können wir gezielt etwas tun. Unsere Persönlichkeit ist kein starres Gerüst, sondern ändert sich mit jeder unserer Erfahrungen, Entscheidungen und Handlungen. Und wir können diese Veränderungen in einem nicht unerheblichen Maße steuern. 

Liegen unsere Werte hingegen in allen Dimensionen bei 0 oder 1 und unser Leben läuft trotzdem nicht so geschmiert, wie wir es uns wünschen, steht von diesen Aspekten unserer Persönlichkeit uns offenbar keiner im Weg – vielleicht aber ein anderer, den Michael Boudreaux übersehen hat. Ebenso gut kann es sein, dass wir uns gar nicht selbst im Weg stehen, sondern dass uns andere Faktoren das Leben schwer machen. Oder dass unser Leben in Wahrheit genauso geschmiert läuft, wie es nur laufen kann, wir es aber gar nicht merken. Denn sogar wenn wir die bestmögliche Version unseres Selbst sind und unser Leben auf die bestmögliche Weise führen: Es wird immer Phasen geben, in denen es unrund läuft, Phasen, in denen wir traurig sind, unzufrieden oder wütend. Und wenn wir mit solchen Gefühlen gut leben können, erfüllt unsere Persönlichkeit zumindest das vielleicht wichtigste Kriterium von allen.

Verwendete Quelle: Psychologytoday.com

Source: https://www.brigitte.de

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