Freunde, der Partner, Kollegen – mit allen kann man sich furchtbar in die Haare kriegen. Doch wie kann man das verhindern und lernen, richtig zu streiten? 21 Antworten.

1. Ich hasse Streit – wie gehe ich ihm am besten aus dem Weg?

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Wenn man Streit vermeidet, wirkt sich das fast immer negativ aus – in der Liebe wie im Job. Im harmlosesten Fall räumst du die nächsten 30 Jahre die Spülmaschine alleine aus. Wenn’s dumm läuft, riskierst du deine Beziehung. Dauerharmonie ist eine schöne Illusion, aber keine gute Strategie. Trotzdem kann man fiese Streite umgehen: indem man Kleinigkeiten wie den Wäscheberg im Badezimmer oder das laute Telefonieren im Büro gleich anspricht, ohne dabei derbe Kritik zu üben. Streiten ist wichtig, denn so schärfen wir unser eigenes Profil und zeigen, wer wir sind.

2. Wovor haben wir dann Angst?

Konflikte haben immer etwas mit Angriff zu tun: Ich verletze und ich werde verletzt – beides tut weh. Dabei kann man sich nur durch Auseinandersetzungen weiterentwickeln. Aber: “Gerade in einer Beziehung halten es viele immer noch für den Idealzustand, sich nie zu streiten”, sagt der Diplom-Psychologe Prof. Philipp Yorck Herzberg von der Uni Wuppertal, “weil wir keine wirkliche Streitkultur gelernt haben.” Aus Angst, am Ende Partner, Familie, Freundin oder Job zu verlieren, wird der Ärger lieber runtergeschluckt. Gerade Frauen neigen zu Gedanken wie: “Ich setze meine Liebe doch nicht wegen einer offenen Zahnpastatube aufs Spiel.”

3. Warum stecken Frauen bloß so oft um des lieben Friedens willen zurück?

Weil sie früh lernen, immer nett und zurückhaltend zu sein und nicht aus der Rolle zu fallen. “›Der Ton macht die Musik‹ oder ›Du bist still, wenn Erwachsene reden‹ sind Sätze, die gerade Mädchen verinnerlichen”, erklärt Paartherapeutin Dr. Angelika Faas. Viele Frauen machen das zu ihrem Lebensmotto und versuchen, nach Möglichkeit nicht unangenehm aufzufallen. Männer machen sich’s leichter: ein fester Bodycheck wie früher auf dem Schulhof – und die Sache ist geklärt. Frauen möchten verstanden werden. Und am Ende muss alles wieder harmonisch und heil sein.

4. Kann ich jetzt noch lernen, was mir als Kind nicht beigebracht wurde?

Ja, aber das geht nicht von heute auf morgen. Da hilft nur mutig sein, ausprobieren, üben. Okay, man sollte dann nicht gleich mit dem seit Jahren brodelnden Familienzwist einsteigen, sondern mit einer dieser Nebensächlichkeiten, über die man sonst immer hinweggesehen hat. Wenn man damit Erfolg hat, steigt man das nächste Mal mit einer größeren Sache in den Ring. Das ist übrigens auch spannend: An seinem Gegenüber kann man plötzlich Seiten entdecken, die man noch gar nicht kannte, weil man ihm nie die Chance gegeben hat, sie zu zeigen.

5. Wie steige ich am besten in einen Streit ein?

Auch wenn’s nicht immer leicht ist – mit Ich-Botschaften in der Kommunikation: “Ich wünsche mir, dass wir wieder öfter zusammen ausgehen …” klingt tausend Mal besser als “du kümmerst dich immer nur um deine Freunde”. Außerdem nimmt es der Situation die Schärfe. Dein Partner merkt, dass du auf ihn zugehst, also wird er das auch tun, wird dich eher ausreden lassen und ernst nehmen – das erhöht deine Chancen auf einen Kinoabend zu zweit. Ein direkter Vorwurf dagegen macht ihn wahrscheinlich bockig und er denkt: “Ich weiß schon, warum ich mich lieber mit meinen Kumpel treffe!”

6. Im Gespräch lasse ich mich dann doch wieder unterbuttern …

Wie war das noch mit der sich selbsterfüllenden Prophezeiung? Wer mit dem Gedanken “Ich verliere sowieso” in den Streit geht, wird genau das tun. “Das kriegen wir schon hin” klingt viel optimistischer und diese Haltung strahlt man auch aus. “Eine tolle Taktik ist es auch, sich vor dem Gespräch aussagekräftige Formulierungen zu überlegen und diese wie ›Streitvokabeln‹ zu lernen”, rät Angelika Faas. Die geben Sicherheit und man kann schlagfertiger reagieren.

7. Also lieber erst mal einen Schlachtplan entwickeln?

Vorbereitung hilft auf jeden Fall. Vor allem sollte man sich überlegen, was genau das Thema ist. Sonst streitet man sich plötzlich gar nicht mehr über den Abwasch vom Vorabend, sondern darüber, wer grundsätzlich wie viel in die Beziehung investiert. Manchmal hilft es, Menschen um Rat zu bitten, die von außen auf den Konflikt blicken – im Job zum Beispiel einen Kollegen. “Die meisten halten ihren Standpunkt für den einzig richtigen, umso wichtiger ist es, dass mir jemand mein Verhalten spiegelt. Das holt mich aus meiner Selbstgerechtigkeit raus und bringt wieder etwas mehr Neutralität in die Sache”, sagt Claudia George, Beraterin für Personalentwicklung.

8.Wenn mir mein Freund im Supermarkt eröffnet, dass er den Samstag mit seinen Fußballfreunden verplant hat, obwohl wir etwas unternehmen wollten, fällt die Vorbereitung flach. Was dann?

Eigentlich braucht jeder Streit einen passenden Rahmen, und das ist mit Sicherheit nicht zwischen anderen Kunden an der Wursttheke. Nur: Wer schafft es schon, immer auf die ideale Situation zu warten, wenn ihm die Wut im Hals sitzt? “In diesem Fall kann man dem Partner ruhig an Ort und Stelle mitteilen, dass man sauer ist, dann ist man zumindest den ersten Frust los”, rät Angelika Faas. “Das Streitgespräch sollte dann aber lieber auf zu Hause verschoben werden, um nicht den ganzen Supermarkt zu unterhalten.”

9. Bringt es was, eine Nacht drüber zu schlafen?

Na ja, die Diskussion über eine neue Grünpflanze im Großraumbüro kann man natürlich sofort führen. Aber: Je wichtiger das Thema ist, desto klarer und sachlicher sollte man sein. Im Affekt loszukeifen heißt auch oft, ungerecht oder aggressiv zu werden. Wer Angst hat, dass die Wut bis zum nächsten Tag verfliegt, kann sie sich auch von der Seele schreiben, dann hat man gleich einen guten Leitfaden für das Streitgespräch. Und noch ein Tipp: nicht die beste Freundin anrufen. Dann landet der Ärger bei der falschen Person und verpufft.

10. Mein Ärger ist schon etwas älter: Meine beste Freundin lässt mich seit Jahren bei jeder Verabredung 20 Minuten warten. Wie kann ich ihr das endlich sagen?

Schade um die verplemperte Zeit! “Wenn ich eine Situation fünf Jahre ertrage, sollte ich mich als Erstes fragen, warum ich das mitgemacht habe”, sagt Claudia George. “Dem anderen kann ich nur bedingt einen Vorwurf machen – wie soll er denn wissen, dass mich etwas stört?” Trotzdem wird ein Thema nicht weniger streitwürdig, nur weil man es so lange nicht angesprochen hat: Sag deiner Freundin also freundlich, aber bestimmt, was du dir für die Zukunft wünschst – und was nicht.

11. Und wenn mein Wünschen allein nicht hilft?

Dann bleibt die sogenannte “paradoxe Intervention”. “Komm selber beim nächsten Mal 40 Minuten zu spät”, rät Philipp Yorck Herzberg. “So kannst du deiner Freundin ihr Verhalten demonstrieren und das als Aufhänger für eine erneute Aussprache nutzen. Das ist viel besser, als sie darauf aufmerksam zu machen, wie oft sie schon zu spät gekommen ist.”

12. Auf der Vergangenheit herumzureiten, bringt also nichts. Was sind andere No-Gos beim Streiten?

“Du alte Kuh” hilft in etwa so viel weiter wie jegliche Form von Sarkasmus und Ironie – gar nicht! Beides verletzt und trägt kein bisschen zum Lösen von Konflikten bei. Genau wie das Rumstochern in den Schwächen des Gegenübers, die man natürlich umso besser kennt, je näher man sich ist. Auch ätzend: Paare, die sich besonders gern vor Freunden oder der Familie streiten, in der Hoffnung, Bündnispartner zu finden. Das ist nicht schlau, sondern ein Zeichen von Schwäche: Offenbar sind sie zu feige, den Konflikt unter vier Augen zu klären.

13. Wie kann ich verhindern, dass ich völlig ausraste und herumschreie?

Wenn sich so viel Wut und Frust angesammelt haben, dass es zur Explosion kommt, ist das zwar unglücklich, aber auch menschlich. Aggressionen haben sogar einen Sinn: “Sie sind mobilisierend, und manchmal kommen im Affekt Dinge ans Tageslicht, die für den Konflikt sehr nützlich sein können”, sagt Claudia George. “Wichtig ist jedoch, was man nach dem Ausraster macht. Gute Streiter können sich entschuldigen und dazu stehen, dass sie jetzt eben mal laut geworden sind.”

14. Ich kann mich aber nicht besonders gut leiden, wenn ich so ausflippe …

Wer seine Wut generell nicht im Griff hat, braucht Unterstützung von außen, um Steuerungsmechanismen zu lernen – echte Choleriker sind eine Zumutung, die niemand aushalten muss. “Wer die Kontrolle gar nicht erst verlieren will, sollte um eine Unterbrechung des Gesprächs bitten, wenn er kurz davor ist, an die Decke zu gehen”, ist der Tipp von Claudia George. “Durchatmen, auf die Toilette gehen und sich selbst im Spiegel anschauen, das reicht manchmal schon, um runterzukommen.” Hilfreich ist es auch, einen Blick auf den anderen zu werfen – wird der gerade leichenblass, ist man definitiv zu weit gegangen.

15. Vor lauter Wut beiße ich mich oft an meinen Argumenten fest. Wie komme ich rechtzeitig aus einem Streit heraus, wenn er zur Endlosschleife geworden ist?

Solche Endlosschleifen entstehen oft, weil man weiß, dass der nächste Schritt fatale Folgen haben könnte: den endgültigen Bruch in einer Freundschaft oder nicht heilbare Verletzungen in der Liebe zum Beispiel. Dann sollte man eine Pause einlegen. Sich mit anderen Personen und Dingen beschäftigen, die Zeit nutzen, um sich vorzustellen, was der Worst Case sein könnte, wenn man diesen nächsten Schritt gehen würde. Könnte und will man mit den Folgen leben? Wenn man merkt, dass die Beziehung viele schöne Seiten hat und man sie nicht verlieren will, sollte man sich einen Ruck geben, auf den anderen zugehen und ein Friedensangebot machen, das für beide akzeptabel ist.

16. Oder einfach nachgeben?

Das ist dann sinnvoll, wenn man merkt, dass einem ein Thema gar nicht mehr wichtig genug ist, um sich weiter daran aufzureiben. In Liebesbeziehungen ist das mit dem Nachgeben allerdings so eine Sache: “Rückzug und Nachgeben sind passive Konfliktlösungsstile, die langfristig nicht gut sind für die Zufriedenheit in einer Partnerschaft”, erklärt Prof. Philipp Yorck Herzberg. “Wenn man diejenige ist, die immer nachgibt, wird man irgendwann unzufrieden und wütend, und diese Wut richtet sich mit relativ großer Wahrscheinlichkeit nicht gegen das eigene Verhalten, sondern gegen den Partner. Der Friede ist also nur ein Scheinfriede.” Wer aus Mutlosigkeit nachgibt, sollte unbedingt daran arbeiten, seine Themen vor anderen nicht nur anzusprechen, sondern diese auch zu verteidigen.

17. Meine Schwester gibt mir dazu aber nie die Chance: Sie knallt die Tür hinter sich zu und redet tagelang nicht mehr mit mir.

Beleidigt abzurauschen ist eine Form von Druckausübung: Mein Partner, Kollege, Freund soll mir doch bitte nachlaufen, mich beruhigen und dann das Thema möglichst schnell vergessen. Derjenige, der flieht, macht das nicht unbedingt bewusst. Es kann sein Notprogramm sein, weil er nicht mit der Situation umgehen kann. Hinterherzurennen bringt aber beiden Seiten nichts. Besser ist es, dem anderen in einer ruhigen Situation zu erklären, wie wichtig einem die Klärung ist. Es ist immer erlaubt, einen Streit zu unterbrechen, wegrennen dagegen nicht: “Sage lieber, dass du emotional nicht weiterkannst und durchatmen musst”, meint Philipp Yorck Herzberg, “das ist ein reifer Weg der Konfliktlösung. Du zeigst damit, dass du nicht nur dich selbst und deine Gefühle siehst, sondern auch, dass du den anderen nicht unnötig kränken willst.”

18. Bei meiner Freundin und ihrem Mann hilft das alles nichts mehr, sie stecken in einer dicken Krise und haben mich gebeten, zwischen ihnen zu vermitteln. Soll ich?

Wenn zwei nicht mehr weiterwissen, ist es eine gute Idee, eine dritte Person einzuschalten. Allerdings sollte das jemand sein, der die nötige Distanz hat. Ein Mediator, Berater oder sogar Therapeut kann übrigens auch helfen, die Meinung beider Parteien verständlicher zu formulieren. Oft hört man sich durch seine Worte selbst reden und begreift, was für einen Unsinn man vielleicht von sich gegeben hat.

19. Soll das jetzt heißen, dass ich mich beim Streiten etwa danebenbenehme?

“Während wir streiten, befinden wir uns im Automatikmodus und kriegen gar nicht mit, wie wir auf den anderen wirken”, sagt Prof. Herzberg. Oft kommen wir bei Konflikten nicht weiter, weil beide Parteien Stärke zeigen und gewinnen wollen. “Es kann schon helfen, wenn ich meinen Partner bitte, mir zu beschreiben, wie er mich erlebt und was er empfindet, wenn wir streiten.” Wird einem das eigene Verhalten bewusst, kann man sich konstruktiver streiten.

20. Und am Ende die große Versöhnung?

Nein. Manchmal kann man nicht gleich wieder in den Normalmodus schalten. Gerade nach heftigen Konflikten muss man vielleicht mal seine Ruhe haben, um die Dinge sacken zu lassen. Wichtig ist nur, dass keine moralische Erpressung daraus wird. Die Botschaft muss sein: “Ich brauche eine Auszeit, um mit mir und uns ins Reine zu kommen.” Sie darf nicht lauten: “Das hier ist meine Rache, weil du so fies zu mir warst.” Sich Zeit für sich und eigene Gefühle zu nehmen, ist legitim und genauso wichtig wie die Konfliktlösung selbst. Es kann ja auch hilfreich sein, wenn der Partner mal spürt, wie es ist, allein zu schlafen.

21. Was also ist das Ziel eines gelungenen Streits?

Ein guter Kompromiss. Wenn beispielsweise der eine die gemeinsame Wohnung mit bunter Tapete bekleben will, der andere aber eher auf puristisches Weiß steht, einigen sie sich in diesem Fall vielleicht darauf, zwei Wände in einer zarten Farbe zu streichen. Oder einer darf sich bei der “Tapetenfrage” nur im Arbeitszimmer austoben. “Man sollte sich gegenseitig zeigen, dass man die Meinung des anderen wahrnimmt, auch wenn man sie nicht teilt”, erklärt Prof. Herzberg. Es ist übrigens gar nicht immer notwendig, gleich auf Anhieb zu einem endgültigen Ergebnis zu kommen. “Ziel kann es auch sein, eine Lösung vorübergehend auszuprobieren und dann zu sehen, ob sie für beide Seiten eine gute ist”, sagt Paartherapeutin Faas. Wenn nicht, probiert man eben eine andere Variante aus – und kommt so gemeinsam voran. Lieber ein paar Umwege gehen als in der Sackgasse stecken bleiben.

Streiten – wichtig oder überflüssig?

  • Partnerschaft: Für zwei Drittel aller Befragten (68 Prozent) gehört Streit unbedingt zu einer Beziehung. Aus Angst, den Partner oder die Freunde zu verletzen, schluckt nur jeder Vierte seinen Ärger lieber herunter. Auffällig ist, dass Männer konfliktscheuer zu sein scheinen: 28 Prozent sehen eine Beziehung ohne Streit als ideal an (Frauen: 13 Prozent).
  • Verhalten: Jede vierte Frau (26 Prozent) gibt zu, dass sie oft ungerecht und aggressiv ist, wenn sie sich zofft. Bei den Männern glauben das nur 17 Prozent von sich selbst. Inhalte: Über Alltagsthemen wie Einkaufen und Abwaschen streitet jeder Fünfte regelmäßig, bei Familien mit Kindern sogar jeder Vierte. Für 44 Prozent der Frauen und 36 Prozent der Männer ist Kindererziehung ein großes Konfliktthema.
  • Urlaub: Erstaunlich wenig Ärger gibt es dagegen im Urlaub: Nur sieben Prozent zoffen sich regelmäßig, wenn sie zusammen wegfahren. Fünf Prozent haben schon einmal während oder direkt nach einem Urlaub eine Beziehung beendet.
  • Lernbereitschaft: Die Idee, ein Schulfach “Richtig streiten” einzuführen, gefällt jedem dritten Befragten (32 Prozent).

Quelle: Forsa, Juni 2012

Source: https://www.brigitte.de

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