Unsere Autorin spricht mit Wissenschaftlerin Elisabeth Lechner über Selbstliebe. Sie klärt auf, warum das Schönheitsideal auch heute noch präsent ist.

BRIGITTE: Warum kreisen wir immer noch so sehr um uns und unsere Körper? Sollte es 2021 nicht Konsens sein, dass jede von uns schön ist, egal, wie sie aussieht?

Elisabeth Lechner: Ganz so einfach ist es leider nicht. Das Schönheitsideal hat sich durchaus verändert, verschwunden ist es nicht. Zwar muss eine “schöne” Frau heute nicht mehr gertenschlank sein, dafür aber durchtrainiert, fit und an den “richtigen” Stellen kurvig. Sie ist weiß oder “exotisch”, hat lange Haare, glatte und aknefreie Haut, ist am ganzen Körper rasiert und geschminkt.

Und wenn ich von dieser Norm abweiche? Ich mach da jetzt nicht überall Haken.

Viele Studien belegen, dass als attraktiv empfundene Menschen eine bessere Gesundheitsversorgung bekommen, leichter Partner*innen und Jobs finden, eher befördert werden. Schon “schöne” Schülerinnen bekommen die besseren Noten. Im Hinblick auf das Gewicht gibt es deutliche “Thin Privileges”, Privilegien für Dünne. Unsere Gesellschaft, der öffentliche Raum, ist auf Norm-Körper ausgerichtet, immer noch. Alle anderen müssen mit Hindernissen rechnen.

Aber es hat sich doch einiges getan, in den letzten Jahren wurde die “Body Positivity”-Bewegung ausgerufen. Überall, nicht nur in meinem Instagram-Account, poppte plötzlich die Botschaft “Alle Körper sind schön” auf.

Tatsächlich hat die Bewegung ihre Wurzeln schon in den 60er-Jahren, in der amerikanischen “Fat Acceptance”-Bewegung. Mehrgewichtige Menschen wehrten sich damals kreativ und radikal gegen strukturelle Diskriminierung.

Und heute?

Ist “Body Positivity” vor allem durch die sozialen Medien und die Popkultur im Mainstream angekommen. Einerseits erreicht man so natürlich viele Menschen, andererseits bekommen aber auch Unternehmen mit, dass es hier die Chance gibt, Profit zu machen mit einem neuen Thema und neue Konsumentinnen zu gewinnen.

Jetzt fühl dich bitte schön! Im Kern ist das ja eine positive Botschaft, bei mir baut sie aber auch Druck auf.

Da sind Sie nicht die Einzige. Wie gesagt, ursprünglich war bei “Body Positivity” überhaupt nicht die Rede davon, dass wir uns alle 24 Stunden am Tag selbst lieben sollen. Es ging dabei vielmehr darum, die strukturelle Diskriminierung von dicken Menschen zu beenden und andere, “widerspenstige” Körper, wie ich sie nenne, sichtbar zu machen. Erinnern Sie sich noch an “Girls”?

Die Serie über Freundinnen in New York? Hab ich gern geguckt, ja.

Lena Dunham, Erfinderin und Hauptdarstellerin, zeigte dort ihren Körper, der nicht der gängigen Hollywood-Norm entsprach – weicher Bauch, untrainierte Arme, kleine Brüste. 2012 war das ein ziemlicher Bruch mit unseren Sehgewohnheiten. Wobei man heute auch sagen muss, dass es für sie als weiße Frau, die nur “ein bisschen dicker” ist, noch verhältnismäßig ungefährlich ist, die Grenzen von Schönheitsnormen zu überschreiten. Für Menschen, die stärker aus der Norm fallen, ist es das nicht.

Wie meinen Sie das?

Wer als “hässlich” oder gar “eklig” gilt, ist ganz schnell Objekt und nicht mehr Mensch – und damit auch von Gewalt bedroht. Wenn sich zum Beispiel “Plus-Size-Model” Anna O’Brian so wie sie ist, mehrgewichtig und ohne perfekte Sanduhr-Silhouette, im Bikini zeigt, bekommt sie Todesdrohungen. Da wird nicht nur ein selbstbewusst präsentierter dicker Frauenkörper sichtbar, sondern leider auch viel Hass.

Woher kommt der?

Dick wird immer noch oft mit “ungesund” assoziiert, mit Faulheit, Kontrollverlust und Verantwortungslosigkeit. Natürlich sind das Stereotype, aber sie halten sich so lange, weil sie so gut zu unserer Leistungsgesellschaft passen. Und wir haben noch nicht von Menschen mit anderer Hautfarbe, Behinderungen oder von alternden Körpern gesprochen. Spätestens da wird deutlich, dass Schönheit ganz und gar kein oberflächliches, sondern ein politisches Thema ist.

Das erklärt aber noch nicht, warum es so starke Emotionen hervorruft.

Das kann sicher eine Psychologin besser beantworten. Fest steht, dass wahnsinnig viele Menschen täglich damit kämpfen, die Kontrolle über ihren Körper zu behalten. Jede*r dritte Deutsche sorgt sich ständig darum, zu viel Gewicht auf die Waage zu bringen.

Mir geht es ja auch so: Mein Kopf weiß, dass es Wichtigeres gibt, aber dann stehe ich doch wieder vor dem Spiegel und ärgere mich darüber, dass die Oberarme schlabbern. Ist das nicht absurd?

Ich kenne das auch gut, und ich habe mich wirklich viel mit Körperbildern beschäftigt. Offensichtlich steckt diese Selbstkritik so tief in uns drin und wird noch allzu oft von außen getriggert. Liebe dich selbst? An manchen Tagen ist es schwer genug, sich nicht zu hassen.

Was mir dabei leider gar nicht hilft, sind Frauen, die extrem super aussehen, aber winzigste Dellen oder Speckfalten in die Kamera halten und sich damit im Internet als Körper-Aktivistinnen feiern.

Das will ich nicht bewerten, auch dünne Frauen können unter Schönheitsdruck leiden. Sie sollten sich aber aus meiner Sicht nicht als Zentrum einer Bewegung inszenieren, die doch ursprünglich ausgegrenzte Körper schützen und feiern wollte. Tatsächlich ist aber als Reaktion auf die wachsende Kommerzialisierung der “Body Positivity” die “Body Neutrality”-Bewegung entstanden.

Was ist das denn jetzt schon wieder?

Da lautet die Botschaft: Ich bin meinem Körper dankbar, weil er mich durchs Leben trägt, aber ich bin sehr viel mehr als er. Es ist richtig und wichtig, dass wir unseren Selbstwert nicht aus unserem Aussehen ziehen, sondern aus unseren Überzeugungen, Fähigkeiten, Beziehungen. Die britische Fernsehmoderatorin Jameela Jamil hat das mit ihrer “I weigh”-Initiative eindrucksvoll gezeigt. Sie ließ Frauen auf Fotos von sich schreiben, was sie wirklich auszeichnet, auf was sie stolz sind – abseits ihres Äußeren: eine loyale Freundin zu sein, ein kreativer Kopf, eine hoffnungslose Optimistin …

Dann werden wir doch jetzt einfach alle body-neutral.

So weit sind wir leider nicht. Die meisten Bauchweg-Hosen werden immer noch in Größe 36/38 verkauft. Solange wir in einer lookistischen Gesellschaft leben, das heißt, in einer Gesellschaft, die Menschen extrem aufgrund ihres Äußeren bewertet, ist das noch Utopie.

Vielleicht ist die aber gar nicht so weit entfernt? Viele junge Frauen scheinen weniger Probleme mit ihrem Körper zu haben und ihn gern zu zeigen.

Einerseits bezeichnen sich 70 Prozent der Mädchen heute in Umfragen als zu dick, der Schönheitsdruck steigt, andererseits sind gerade die Jungen auch sehr medienkompetent, also gut vernetzt und informiert auf sozialen Medien unterwegs. Sie lernen von Vorbildern, den Druck einzuordnen, sich kritisch zu positionieren und selbstbewusst mit ihren Körpern umzugehen.

Weil sie schon mit diesen neuen Körperbildern aufgewachsen sind?

Ja, und vielleicht auch, weil wir mit ihnen offener über unsere eigenen Körper-Struggles reden. Und wir können ihnen und uns nicht oft genug sagen: Es ist der Job von Bloggerinnen oder Influencerinnen, sich ständig zu optimieren und perfekt in Szene zu setzen. Was wir da sehen, ist nicht die Alltagsrealität der meisten Frauen, sondern das Ergebnis stundenlanger Schönheitsarbeit.

Wir müssen aber jetzt nicht bei jeder Maniküre oder Pediküre ein schlechtes Gewissen haben, oder?

Nein, natürlich dürfen wir uns “schönmachen”, wenn uns das gefällt und guttut. Wir sollten aber eben auch dafür kämpfen, dass Schönheit viel inklusiver verstanden wird – damit immer mehr Menschen Zugang zu dieser für sie vorteilhaften Kategorie bekommen.

Wie können wir das vorantreiben?

Als Erstes könnten wir mal unseren Social-Media-Feed ausmisten. Weg mit allen Profilen oder Postings, die uns zum Dauer-Vergleich auffordern. Bodyshaming raus, Empowerment rein. Her mit Menschen, die ganz anders aussehen, denken und fühlen als wir. Das ist ein kleiner erster Schritt, der viel verändern kann.

Und dann?

Es wird höchste Zeit, dass wir aufhören, uns und andere zu beschämen, wegen Kilos, Dellen oder Körperhaaren. Wir sollten unseren Zorn und unsere Wut nicht mehr gegen uns selbst und unseren Körper richten, sondern gemeinsam gegen ein System, das uns allen schadet.

Wie kann das konkret aussehen?

Aufhören, andere zu bewerten. Komplimente machen, die gar nichts mit dem Aussehen zu tun haben. Dickenhass im Internet kommentieren. Die Creme für straffere Achseln im Regal stehen lassen. Petitionen unterzeichnen, eigene Projekte starten … Baustellen gibt es genug, Ideen auch, um sich mit anderen zu vernetzen und zusammen aktiv zu werden. Warum sollten wir uns geduldig in Selbstliebe üben, wenn wir stattdessen eine Schönheitsrevolution anzetteln können?

Dr. Elisabeth Lechner ist Kulturwissenschaftlerin und hat zu “Body Positivity” an der Universität Wien promoviert. Sie gibt Workshops zu Feminismus, Bodyshaming und Lookismus.

Selbstliebe: Buchcover "Riot, don´t diet! – Aufstand der widerspenstigen Körper"

Für Vielfalt kämpfen

In ihrem neuen Buch “Riot, Don’t Diet” fordert Elisabeth Lechner den “Aufstand der widerspenstigen Körper”. (240 S., 22 Euro, Kremayr & Scheriau)

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Source: https://www.brigitte.de

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